ANALYSE | HYBRIDE KRIEGSFÜHRUNG | 20. Oktober 2026
Ein Krieg, der nicht mit Panzern beginnt
Der russische Angriff auf Europa beschränkt sich nicht auf das Schlachtfeld in der Ukraine. Er findet auch in den Medien, in sozialen Netzwerken, in der Politik und in den Köpfen der Menschen statt. Dieser hybride Krieg ist keine abstrakte Bedrohung und keine ferne Zukunftsprognose. Er ist bereits Realität – in Frankreich, in der Schweiz und in ganz Europa.
Die jüngsten Ereignisse in Frankreich zeigen, wie schnell reale gesellschaftliche Spannungen durch gezielte Informationsoperationen verstärkt werden können. Gleichzeitig wird deutlich, dass auch die Schweiz mit ihrer offenen Informationslandschaft und ihrem politischen System ein attraktives Ziel russischer Einflussnahme ist. Nicht zuletzt können auch einzelne Schweizer Medien zur Verbreitung kremlfreundlicher Narrative beitragen.
Frankreich: Wenn reale Unruhen zum Einfallstor für Desinformation werden
Während der jüngsten Proteste in Frankreich verbreiteten sich in sozialen Netzwerken rasch Videos von Gewalt, Plünderungen und Zusammenstössen mit der Polizei. Ein Teil dieser Inhalte erwies sich als irreführend: Es handelte sich um alte Aufnahmen oder Videos, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden.
Der französische Sender TF1 Info dokumentierte, dass alte Videos als aktuelle Aufnahmen der Proteste ausgegeben wurden. Solche Falschdarstellungen können das Ausmass der Unruhen überzeichnen, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen schüren und gesellschaftliche Spannungen vertiefen. [1]
Diese Taktik ist kein Einzelfall. Die französische Behörde VIGINUM veröffentlichte im Juni 2024 einen offiziellen Bericht über das prorussische Netzwerk Matriochka. Darin wird eine koordinierte Kampagne beschrieben, die gefälschte Inhalte verbreitete, welche Veröffentlichungen westlicher Medien nachahmten. [2]
Im August 2026 berichtete Le Monde über eine neue Kampagne desselben Netzwerks gegen französische Politiker. Laut dem Bericht hatte VIGINUM die Operation mit hoher Wahrscheinlichkeit prorussischen Akteuren zugeordnet. [3]
Die Schweiz: Neutralität ist kein Schutzschild
Für die Schweiz ist diese Entwicklung unmittelbar relevant. Neutralität bestimmt den aussenpolitischen Status eines Staates, bietet aber keinen automatischen Schutz vor Spionage, Cyberangriffen, Desinformation oder anderen Formen hybrider Einflussnahme.
SWI swissinfo.ch berichtete über russische Desinformation in der Schweiz. Laut dem dort zitierten Bundesrat Martin Pfister verbreiteten prorussische Akteure im Mai 2025 koordiniert ein aus dem Zusammenhang gerissenes Video aus Genf. Die Beiträge sollten den Eindruck vermitteln, die Schweiz versinke im Chaos und sei nicht mehr neutral. [4]
Auch der Schweizer Bundesrat behandelt Desinformation und ausländische Einflussnahme als sicherheitspolitische Herausforderungen. Die Sicherheitspolitische Strategie 2026 hält fest, dass hybride Konfliktführung – von Desinformation und Cyberangriffen bis hin zu Spionage und Sabotage – in Europa zugenommen hat und auch die Schweiz betreffen kann. [5]
Wenn heimische Medien fremde Narrative verstärken
Eine weitere Frage betrifft die Rolle der Medien im Inland. In der Schweiz steht dabei auch die «Weltwoche» in der Kritik. Die Organisation Fairmedia untersuchte die Nutzung von Inhalten des russischen Staatsmediums RT durch das Schweizer Magazin und kritisierte unter anderem einen Beitrag, der das Massaker von Butscha als Inszenierung erscheinen lässt. [6]
Das ist mehr als eine Frage unterschiedlicher politischer Meinungen. Wenn ein Schweizer Medium Behauptungen eines russischen Staatsmediums übernimmt, die dokumentierte Verbrechen der russischen Armee diskreditieren, trägt es objektiv zur Verbreitung eines für den Kreml nützlichen Narrativs bei.
Die Nutzung von RT-Material allein beweist keine Koordination mit russischen Geheimdiensten. Entscheidend ist jedoch auch die Wirkung: Welche Behauptungen werden verbreitet, welche Fakten verzerrt und wie beeinflusst dies die Wahrnehmung der russischen Aggression? Pressefreiheit entbindet Redaktionen nicht von der Pflicht, Quellen kritisch zu prüfen.
Russland muss nicht jede Krise selbst auslösen. Es reicht, bestehende Probleme zu erkennen und sie als Waffe gegen die betroffenen Gesellschaften einzusetzen.
Jede Schwäche wird zur Gelegenheit für den Gegner
Frankreich und die Schweiz zeigen unterschiedliche Seiten desselben Problems. In Frankreich können Strassenunruhen und öffentliche Empörung als Material für Informationsoperationen dienen. In der Schweiz können politische Differenzen, Debatten über Neutralität und Zweifel an staatlichen Institutionen ausgenutzt werden. Das Grundprinzip bleibt dasselbe: Russland nutzt die Schwächen demokratischer Staaten gegen sie selbst.
Bürokratische Verzögerungen, zögerliche Entscheidungen, Fehler von Sicherheitsbehörden, mangelnde Transparenz und schwindendes Vertrauen schaffen Ansatzpunkte für Einflussnahme. Ein Staat, der zu spät reagiert, seine Entscheidungen nicht nachvollziehbar erklärt oder eigene Fehler nicht korrigiert, erleichtert es einem Gegner, bestehende Konflikte zu verschärfen.
Die Antwort kann nicht darin bestehen, jede innenpolitische Auseinandersetzung als russische Einmischung abzustempeln. Sie muss darin bestehen, staatliche Institutionen widerstandsfähiger zu machen, Informationen rechtzeitig und nachvollziehbar bereitzustellen und Desinformation konsequent aufzudecken. Eine Demokratie schützt sich nicht durch das Verbergen ihrer Probleme, sondern durch die Fähigkeit, sie rechtsstaatlich und wirksam zu lösen.
Europa sollte aus der Erfahrung der Ukraine lernen
Die Ukraine besitzt in dieser Hinsicht besondere praktische Erfahrung. Das Land widersteht seit Jahren der russischen Aggression und zeigt, wie eng militärische Sicherheit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und der Schutz des Informationsraums miteinander verbunden sind.
Die Schweiz muss nicht erst dieselben Erfahrungen machen, um daraus Konsequenzen zu ziehen. Sie muss ihre eigenen Verwundbarkeiten erkennen und verhindern, dass ein äusserer Gegner interne Probleme in Waffen gegen den Staat und seine Gesellschaft verwandelt.
