Bern, 3. Oktober 2026 · Nachricht und Einordnung

Das Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS beziffert den Eisvolumenverlust im hydrologischen Jahr 2025/26 auf hochgerechnet 5,5 Prozent. Die Bilanz stützt sich auf Messungen an 23 Gletschern. Seit 2021 ging nahezu ein Fünftel des Volumens verloren. [1] Die Anfang Oktober veröffentlichte Bilanz macht sichtbar, wie rasch sich ein vertrauter Teil der Schweiz verändert.

Wenig Schnee, lange Hitze

Die Mitteilung von SCNAT und SLF beschreibt das Zusammentreffen eines schneearmen Winters mit Hitzewellen von Mai bis September. Die schützende Schneedecke verschwand früh. Selbst grosse Gletscher wie der Aletsch- und der Rhonegletscher verzeichneten aussergewöhnliche Verluste; einzelne kleine Gletscher verschwanden ganz. [2]

Bei diesen Zahlen ist die Bezugsgrösse entscheidend: Ein Volumenverlust beschreibt die Menge des Eises. Er lässt sich nicht einfach als gleich grosser Rückzug der Gletscherzunge oder als identische Veränderung an jedem Standort lesen. Wer die Entwicklung verstehen will, muss zwischen dem Gesamtbild und den örtlichen Verhältnissen unterscheiden.

Ein Speicher, der seinen Vorrat abgibt

Das Nationale Zentrum für Klimadienstleistungen erklärt die Bedeutung der Gletscher für den Wasserhaushalt: Sie speichern Niederschlag über lange Zeit und liefern gerade in heissen, trockenen Sommerphasen Wasser an Bäche und Flüsse, darunter Rhein und Rhone. Mit weniger Eis nimmt diese Speicherfunktion ab. [3]

Für die Versorgung ist dabei auch der Blick unter den Boden wichtig. Nach Angaben des Bundesamts für Umwelt liefern die schweizerischen Grundwasservorkommen weiterhin genügend einwandfreies Trinkwasser. Zugleich verändert der Klimawandel die jahreszeitliche Wasserführung der Flüsse. [4] Die Gletscherbilanz ist deshalb kein Beleg dafür, dass der Schweiz unmittelbar das Trinkwasser ausgeht.

Einordnung: Die entscheidende Frage lautet «wann?»

Aus Sicht der Redaktion sollten die neuen Zahlen eine präzisere Wasserdebatte auslösen. Eine nationale Jahresmenge allein hilft einer Region wenig, wenn Wasser gerade während einer trockenen Phase fehlt. Planung muss den Ort, die Jahreszeit und unterschiedliche Bedürfnisse zusammen betrachten.

Daraus folgen Fragen an die Politik: Welche Reserven sind regional verfügbar? Wie lassen sich Verbrauch, Natur und Energieproduktion miteinander abstimmen? Und welche Massnahmen bleiben sinnvoll, wenn sich die Bedingungen weiter verändern? Die Gletscherforschung liefert dafür eine wichtige Grundlage, aber keinen fertigen Verteilungsentscheid.

Die Alpen verlieren mit dem Eis ein Stück ihrer vertrauten Gestalt. Für die Schweiz beginnt damit zugleich eine langfristige Aufgabe: Wasser so zu bewirtschaften, dass die Versorgung auch unter veränderten Bedingungen verlässlich bleibt.